• Christine Zwygart

Du darfst auch mollig sein!



Wie beschreibe ich auf vier Zeilen, wer ich bin - und wen ich für was genau suche? Die Rubrik «Treffpunkt», die es in der Berner Zeitung und auch in anderen Publikationen gibt, ist reinste Alltags-Poesie – manchmal krampfhaft kreativ, manchmal ein bisschen naiv. Oft herzergreifend und entwaffnend. Unter den Stichworten «Partner/Heirat» oder «Geniessen» (scheinbar ist das nicht das Gleiche) gehts um Sehnsucht und Frustration, Lebensfreude und Einsamkeit, Ausbruch aus dem Alltag, Liebe und Erotik.

Und das tönt zum Beispiel so:


«Mir isch so längwilig im Camp am Murtesee. Witwe, 74/160, sportl., tanz., suecht Partner/Freund zum läbe, liebe, lache u. Zwible hackä.»


«Romantischer M., 62-j., mit schöner Patina, sucht liebe Freundin ab 30-j., für die Freizeit. Raum Biel/Bienne. Hab Mut und ruf mich an.»


«CH-Mann sucht liebe Partnerin. Bin 174 gross, 80Kg. Liebst Du die Natur?»


«BEO/BE. Sen., 185/85, Hobbys: Tanzen, Konzerte, Motorrad fahren, Geniessen usw. Suche aufgestellte, schlanke, kleinbusige Sie. Alter ist Nebensache.»


«CH-Mann, 66/170, wohne im Bielerseeland in Eigenheim, suche dich ab 60-j., für feste Beziehung. Liebe Natur u. Zusammensein. Bin fit u. mobil.»


Die Anzeigen sind originell bis verwirrend, fast alle Suchenden bezeichnen sich als aktiv und naturliebend, Treue und Spass stehen als Lockworte im Vokabular weit oben. Andere wiederum beschränken sich auf handfeste Fakten wie Körpergrösse und Gewicht und Wohnort. Beim Stöbern bin ich dann aber über eine Formulierung gestolpert, die mich ins Grübeln brachte. Da schreibt ein Mann, der sich selber als Grossvater bezeichnet, mit Flair für Familie und Ferien: «Du darfst auch etwas mollig sein.» Aha! Es muss für einmal nicht die sonst so vielverlangte «sportliche und schlanke Frau» sein. Nein, diese hier darf durchaus ein oder zwei Speckröllchen um die Hüften haben; vielleicht zeugt das von besonders viel Lebensfreude. Vielleicht aber auch von zu viel Frust.


Mal ehrlich – stört Sie diese Wortwahl nicht? Scheinbar ist es ein Manko, wenn frau nicht mit dem Idealgewicht durchs Leben geht. Deshalb muss man in einem Partnerinserat explizit erwähnen, wenn punkto Statur für einmal ein Auge zugedrückt wird? Aber nicht mit Worten wie «ich liebe kurvige Frauen» oder «ich habe gerne etwas zum Rankuscheln». Nein, der Satz heisst: «Du darfst auch etwas mollig sein.» Dahinter müsste dann eigentlich noch gleich stehen: «Ich verzeihe dir das, im Fall.» Wie gnädig! 1 zu 0 – schon vor der ersten Begegnung. Ein Schuldschein auf Lebzeiten.


Ja, in dieser Inseraten-Sparte bedeutet die Abkürzung «schl.» definitiv nicht schlau. Jeder von uns hat ein oder zwei oder drei Mankos. Natürlich wird die eigene Unperfektheit von den Suchenden nie erwähnt – sondern ausschliesslich Gutes und Schönes. Es sind ja schliesslich auch nur vier Zeilen. Da gibts keinen Platz für Formulierungen wie «O-beiniger Mann mit schiefer Nase sucht …» oder «Mittelmässig attraktive Sie hofft auf …». Nein, man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren. «Du darfst auch etwas mollig sein.»


Vielleicht tue ich dem Grossvater mit Flair für Familie und Ferien grausam unrecht. Vielleicht ist ihm die Postur einer Frau wirklich total egal. Da nicht jeder ein Wortkünstler ist – und schon gar nicht auf vier Zeilen – hat er sich bei diesem Satz eventuell einfach nichts überlegt. Könnte das sein? Ein achtsamer Mensch mit schlechter Ausdrucksweise?


Vielleicht muss ich ihm einfach mal schreiben und fragen …


PS: Und nein, ich suche keinen Mann. Mein Herz ist längst verschenkt!


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